23.7.2006

Langschläfer, pflichfertige Störenfriede und mordgierige Somnambule

Irgendwann zwischen 1933 und 1938 beschrieb Sebastian Haffner im Feuilleton die Schrecken des Langschlafens. Furchtbar beginne jeder Tag mit dem Gebrüll des Weckers, den der Langschläfer durch eine Gewalttat zum verstummen bringe. „Wie ein mordgieriger Somnambule tappt der Arm des Aufgestörten aus dem Kissen, den pflichtfertigen Störenfried zu erwürgen. Ist es getan, so sinkt der Langschläfer mordsatt und beruhigt noch einmal in den schweren, trotzigen Schlaf des Mannes zurück, der seinen Feind erschlagen.“

Zu Zeiten der WM und der späten Torerfolge brauchte es nicht einmal eines Weckers um Mordgelüste zu empfinden. Diese richteten sich nun allerdings gelegentlich gegen einen anderen pflichtgetreuen Störenfried; in den Medien „Fan“ getauft. Dieser hatte es mit seinen Jubelgesängen über Sieg oder Niederlage – ganz egal – geschafft, den Langschläfer seiner üblichen Nachtbeschäftigung, dem kontemplativen Wachen, zu berauben. Den letzten Rückzugsort des Langschläfers, die Nacht, hatte er nun auch noch an diesen niederen Gesellen verloren, der nun in gewohnt überzogener Erfüllung seiner Pflichten seinen Herrschaftsbereich auch noch auf die Stunden zwischen Mitternacht und Morgengrauen auszudehnen trachtete.

Zum Glück ist jetzt alles wieder vorbei. Der Frühaufsteher schläft wieder „den Schlaf der Gerechten“ anstatt nachts trötend und jubelnd durch die Straßen zu ziehen. Der Langschläfer kann sich nachts wieder auf die Straße trauen und in schummrigen Kneipen subversiven Tätigkeiten nachgehen, um sich mental auf die feindliche Welt der Frühaufsteher vorzubereiten, in der er seine Einkäufe vor 20:01h erledigt haben muss.

Sebastian Haffner: Das Leben der Fußgänger. Feuilletons 1933-1939. Herausgegeben von Jürgen Peter Schmied. Carl Hanser Verlag, München / Wien, 2004.

Lobster

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