Estland-Logbuch Tag 2 – Finninninnen

Es ist das Klappern der Holzfensterläden, das mich am frühen Nachmittag aus einer tiefen Narkose zurückholt. Ich erwache auf dem Schonüberzug des Frenchsize-Bettes, noch in der Ausgehuniform der letzten Nacht. Der Windzug lässt die weißen Vorhänge über meinem Kopf tanzen, während sich das Schlagen der Fensterläden mit dem mir so vertraut gewordenen Tinnitus‘1 zu einem unangenehmen Kopfschmerzsound verbreit, der dringend abgestellt werden muss. Allein, mein maroder Körper fühlt sich dazu noch nicht berufen.
Nur nichts überstürzen jetzt, erstmal Sammeln, erstmal Körpergeneralcheck. Die Zunge holzig und wie am Gaumen angepflockt, das Hirn klebrige Zuckerwatte, von der man schon lange nicht mehr essen mag. Nacken und Rücken fühlen sich gleichzeitig merkwürdig verhornt und weichtierartig wirbellos an. Kennt man ja eigentlich alles, erträglich wird dieser Zustand deshalb aber noch lange nicht.
Irgendein tief verborgener Urinstinkt lässt mich schließlich doch noch eine samsaeske Käferrolle vollziehen. Zur Belohnung klödert jetzt ein Riesenmobile in meinem Kopf. Ich riskiere einen Blick Richtung Fenster. Etwa so, als würde man die Aufhell-Taste an einem Fernseher betätigen, klart sich meine Sicht auf und freudig stelle ich fest, dass die Sonne in den Hinterhof scheint. Und ich im Urlaub bin. Euphoria Estonia! Ich schaue an mir herunter. Anhand meines Hemds lässt sich der vergangene Abend erstaunlich gut rekonstruieren, denke ich, und bestaune fast stolz das Actionpainting aus Hesburgerketchup, Bier- und Jägermeisterflecken. Auch der Schonüberzug hat seine Schuldigkeit getan und das, was nicht schon durch meine Jeans und mein ehedem weißes Hemd aufgefangen wurde, vom übrigen Bett ferngehalten. Ich frage mich, was für Unappetitlichkeiten sich hier über die Jahre wohl noch angesammelt haben mögen, denn diese Überzüge werden bekanntlich allenfalls aufgeschüttelt, gewaschen werden sie jedoch nie.
Unbeholfen geräuschvoll schleiche ich mich an dem immer noch selig schlummernden Jörg vorbei in die Küche und werfe die Montur in die Waschmaschine, die mit einem lauten Rauschen startet. Niemand rührt sich. Heute Nacht hätten auch irgendwelche Brechstangen-Jugos2 einsteigen und sich laut feixend beim Durchwühlen der Reisetaschen mit unserer Digi-Cam filmen können, von uns wäre sicher keiner wach geworden. Ist mir aber nur recht jetzt, erstmal in Ruhe den Vorabend abduschen. Beinahe zu gut gelaunt komme ich kurze Zeit später aus dem Bad, als plötzlich ein Schatten durch mein Blickfeld huscht. Die Troll-Estin, aus Lobsters Zimmer? Verdutzt stehe ich in der Küche. Hier wurden anscheinend im Morgengrauen keine Gefangenen mehr gemacht – löblich. Ich setze einen Kaffee auf, kurz darauf beginnt der Tag auch für Lobster und Jörg.

Tja, es hatte einige Überzeugungsarbeit geleistet werden müssen, aber schließlich hatte auch „die Unförmige“ eingesehen, dass es für eine Dame auf dem Sofa nun wirklich viel zu ungemütlich ist. Dass Florian sie allerdings am frühen Nachmittag halbnackt aus meinem Zimmer gekommen sehen haben will, scheint mir nur mit bewusstseinstrübender Sensationsgier erklärbar zu sein, da sie mir nächtens mehrfach und schließlich glaubhaft versicherte, dass sie am nächsten Morgen ihren Job im Callcenter (das verstand ich jedenfalls so) antreten müsse.
Ich wachte jedenfalls am frühen Nachmittag – nachdem ich die junge Dame in den Morgenstunden zur Tür geleitet und noch eine Mütze Schlaf genommen hatte – von Florians Geklapper auf. Hatte er nicht sogar Brötchen gekauft?

Gefrühstückt wird in der Kompressor Baar3, ein Café mit dem Charme einer Edinburgher Trinkhalle. An großen schweren Tischen gibt es große schwere Pancakes. David Bowie lässt einen Mann die Welt verkaufen, anschließend Motorengeheul und Roxy Music’s „Love Is The Drug“ – mehr Camp4 geht nun wirklich nicht. Kurz darauf setzt auch schon die sedierende Wirkung des Raspberry-Sweetmilk-Pancakes ein und unsere guten Vorsätze, hier nicht bloß einen stupiden Sauftrip zu verbringen sondern vielleicht einen Kultururlaub im Sinne eines geflissentlichen Studiosus-Reisenden, sind zumindest für den heutigen Tag auf Eis gelegt. Aber was soll’s, der Kulturbegriff ist schließlich ein weiter, also kaufen wir uns in einer Schlachterei drei Packungen L&M, rot.
Wie gewohnt holt mich der Vorabend nach der zweiten Zigarette ab und bringt mich zurück in einen gar nicht mal unangenehm dämmrigen Kopfschmerznebel. Inzwischen treiben wir auf der Suche nach einem Supermarkt gemächlich altstadtauswärts, wobei wir uns immer wieder den Weg durch deutsche Reisegruppen bahnen müssen. Tallinn ist überfüllt von ihnen, vornehmlich Endsechziger, die wahlweise mit Hardy-Krüger-Westen oder Klaus-Bednarz-Strickjacken gerüstet den Familienwurzeln nachforschen oder einfach zu viele 3-Sat-Dokumentationen gesehen haben. Sie sitzen in den Traditionsgasthäusern wie dem „Olde Hansa“5 vor riesigen Bierhumpen und noch riesigeren Schweinshaxen, während sich ihre Blicke an den Wasserwellen ihrer Ehefrauen vorbei auf die Schenkel der jungen Kellnerinnen verirren. Oder sie stöbern in einem der meist von estnischen Russen betriebenen Antiquitätengeschäften nach Rotarmee- und Nazi-Devotionalien oder solchermaßen im Vintage-Look gestalteten Plagiaten. Auch wenn es furchtbar albern sein mag, sich im Urlaub über die eigenen Landsleute aufzuregen: diesen reisenden Flakhelfern haftet etwas unangenehm Deutschtümelndes an, das sie unverkennbar von anderen Touristen absetzt und uns im Vorbeigehen lieber schweigen lässt.

Ähnlich überflüssig wäre es wahrscheinlich, ausführlich von den besoffenen Brit-Hools zu erzählen, ihren Tanten mit den Hüten aus floral gemusterten Stoffen oder den unvermeidlich Zigarre rauchenden US-Amerikanischen Großgrundbesitzern, die sich – jeder ein kleiner Charles Bronson – hierher begeben haben, um ihren ethnischen Ursprüngen nachzugehen. Doch auch jene gab es hier in Hülle und Fülle. Dazu noch ein paar neureiche Russen mit einer blonden Mieze in roten Schuhen, allerlei Liebespaare und diverse einsame Herzen die sentimentalen Gedanken an eine längst Verflossene nachhingen.
Aber auch wir waren nicht frei von… sagen wir mal, der Faszination des Vergangenen. Oder, um etwas deutlicher zu werden, wir suchten den SS-Stahlhelm, dessen Loch in der Stirngegend die frühzeitige Verwaisung des einen oder anderen Mitglieds unserer Familien zur Folge gehabt hatte. Mir trieb es zwar die Schamesröte ins Gesicht, als Jörg und Florian nicht davon abzubringen waren, immer wieder nach den Öffnungszeiten von „Military Arms and Uniforms“ zu gucken, aber auch ich konnte mich dem Reiz dieser politisch unkorrekten Feixereien mit alten Sturmgewehren und Messingkanonen nur schwer entziehen. Trotzdem spielte ich den seiner besonderen historischen Schuld Bewussten und gab mich höchst reserviert.

Im Übrigen hat sich Tallinns Altstadt im Zuge von Perestroika und EU-Osterweiterung zu einer Art Hanse-Disneyland entwickelt, das, umkreist von den sechsspurigen Boulevards des aufstrebenden, immer moderner werdenden Tallinns, eine hermetische History-Insel zum Anfassen bietet. Die gesamte mittelalterliche Infrastruktur, die Kopfsteinpflaster, die Fachwerkgemäuer, die bunt verputzten Wohnhäuser, die vielen christlichen und orthodoxen Kirchen; alles ist praktisch unversehrt geblieben, was einem auf den ersten Blick eine ziemlich einzigartige Zeitreise beschert. Wenn, ja wenn nicht alles so fürchterlich kitschig wäre. Die Märkte sind nicht einfach nur Märkte, sondern Medieval-Events (zu kaufen gibt es ausschließlich Holz- und Schafswollprodukte und allerlei Bernstein-Nippes), an jeder Ecke steht ein Karren mit gebrannten Maronen oder – worst case – an sich entzückende Mädchen erniedrigen sich, im Hansedirndl Dörrfleisch zu verteilen. Dörrfleisch! Länger als drei Tage ist dieser Zinnober jedenfalls kaum zu ertragen und etwas ernüchtert stellt man fest, dass man besser nach Taschkent geflogen wäre, wollte man so etwas wie östlichen Zauber entdecken.

Ein vollkommen anderes Bild Tallinns zeigt sich, sobald man der Enge des mittelalterlichen Burgfrieds entflieht. Für diese Abenteuer waren wir aber vorläufig noch nicht bereit.

Zurück in unserem heimeligen Maison kommen wir überein, uns zunächst eine Mütze Schlaf zu gönnen, bevor wir in den Samstagabend aufbrechen, zu weiteren wahrhaft großen Heldentaten. Also begibt sich Lobster, der das Privileg eines Einzelzimmers genießt, in eben jenes, derweil ich mich mit Anna Karenina zurückziehe, woran ich mittlerweile im zweiten Jahr lese. Ich war zwar von Tolstois moralischer Frömmigkeit durchaus angetan und las es auf Stellen hin wie die Bibel, doch langweilten mich zuweilen seine Analysen über die russische Agrarwirtschaft des späten 19. Jahrhunderts. Ein bisschen ist es wie mit dem Mädchen, das ich so oft – nun ja – zur Seite legte, aber trotz unserer inzwischen völlig ausgefransten Beziehung einfach nicht aus der Hand geben mag: wegen all der schönen Passagen.
Wie ich da so liege und gedankenverloren vor mich hin metaphorisiere, höre ich Jörg aufgeregt aus dem Wohnzimmer yellen. Lobster und ich kommen zeitgleich in Boxershorts aus unseren Zimmern gestürmt, in Erwartung von mindestens Feuer. Jörg guckt uns mit aufgerissenen, aber immer noch vom Suff verschleierten Augen an und fuchtelt spastisch mit den Fingern, was irgendwie an Joe Cocker erinnert: „Sechs Blondinen, eine schöner als die andere, alle in unser Haus rein, eine schöner als die andere, blond, und…und schön, alle…eine…hier eben gerade, so…so…“ In diesem Moment hören wir tatsächlich mehrere Mädchen exstatisch kauderwelschend die Treppe hochpoltern und in das Apartment über uns entschwinden. Jörg hingegen kommt langsam wieder runter.

Ganz im Gegensatz zu Florian. Der bekam diesen gefährlichen Raubtierblick: Kurze Selbstvergewisserung im viktorianischen Spiegel – ja, die Unterhose habe ich heute Morgen gut ausgewählt –, Blick auf die Uhr – in seinem Kopf wurde bereits ein Schlachtszenario entworfen und die Bewegungen der Beute vorausberechnet. Dann der Gang zum Kühlschrank um zu sehen, ob die Lebensmittelrationen für den Anfang eine erfolgreiche Belagerung zuließen. Diesen Blick hatte ich schon öfter gesehen und zu fürchten gelernt. Von nun an würde er zwischen Freund und Feind nicht mehr unterscheiden können. Man hätte jetzt nicht versuchen sollen, seine Aufmerksamkeit auf eine andere Sache zu lenken, es wäre aussichtslos gewesen. Das Ziel war erfasst und die Eroberung lediglich eine Frage der Beharrlichkeit.
Für Jörg sah die ganze Sache etwas anders aus. Er hatte einen Treueeid auf seine, in der Öffentlichkeit als Nicht-Beziehung firmierende Verbindung mit Verena geleistet, und stattdessen mehrmals täglich Hand an sich gelegt, um den überall lauernden Versuchungen nicht zu erliegen. Man kennt das ja: der Geist ist stark, doch das Fleisch… Er betrachtete die ganze Szene also eher aus dem Blickwinkel des Regisseurs, der gerade eine neue dramatische Handlungslinie eingebracht hat und nun stolz und begeistert verfolgt, was die Akteure daraus machen.

Während wir müde in unseren Zimmern lagen, habe er sich schon mal ein Bier aufgemacht und auf die breite Fensterbank gesetzt6. Die Abendsonne schien herein, seine Beine baumelten heraus und er spielte ein bisschen mit dem 200er- Objektiv herum, als diese Mädchenschar mit der Sonne im Rücken die kleine Straße zu unserem Apartment hinunter flanierte. „In CinemaScope“, „ganz fantastisch“, „sechs blonde Engel“ und Lobster und mir schwant, dass hier jemand kräftig übertreibt. Nichtsdestotrotz lassen wir uns von Jörgs manischer Euphorie anstecken und kaspern jetzt aufgeregt mit rum. Da ist es wieder: 10. Klasse, Landschulheim Breckerfeld. Mädchen, am anderen Ende des Flurs, und damit verbunden eine vage Ahnung großer Möglichkeiten. An Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken und augenblicklich stellt sich auch der Bierdurst wieder ein. Die Musik und wir werden immer lauter – in der armseligen Hoffnung, erhört zu werden.

Mir wurde erstmal wieder schlecht. Erfahrungsgemäß mit der größten Übelkeitsanfälligkeit geschlagen, guckte ich mit einer Mischung aus Abscheu und Neid auf die Alkoholika und Zigaretten, die hier schon wieder konsumiert wurden. Für mich waren diese wundersamen Mädchen Teil eines Paralleluniversums, zu dem ich keinen Zutritt hatte. Ich hatte sie gehört, ich hätte sie sehen können, die Vorstellung jedoch, ein Wort mit ihnen wechseln zu müssen, empfand ich als Zumutung. Ich hätte jetzt gerne ein bisschen da gesessen, nach oben gelauscht und mich in Träumereien ergangen und den Rest des Abends darauf gewartet, dass sie bei uns an die Tür klopfen und nach Salz fragen (worauf ich artig bedauernd auf unseren eigenen Missstand hingewiesen und ihnen eine schöne Zeit in Tallinn gewünscht hätte). Wäre ich mit Jörg alleine gewesen, hätten wir auch genau das getan und wären nachts durch die Stadt geschlendert, immer in der Hoffnung, noch einen verhuschten Blick von ihnen zu ergattern.
Aber wir hatten Florian dabei. Der hielt sich nicht mit Träumereien auf, der warf sich bereits sein neues Schulterklappenhemd über und brachte sich auf Pegel, um den Sprung aus dem Schützengraben zu schaffen für einen Amoklauf in Richtung feindlicher Stellungen.

Wir benötigen Salz zum Kochen. Damit ist dann auch gleich ein kläglicher Anlass gefunden, die Damen zu behelligen. Natürlich, das ist alles reichlich schwachsinnig, und wir sind schließlich keine 15 mehr, aber darum geht es vielleicht gar nicht, denke ich, als ich zögerlich die Treppen zu ihrem Apartment hochsteige. Letztlich ist doch alles nur ein Spiel, in dem verliert, wer es zu ernst nimmt. Manchmal muss man sich eben selbst aufs Spiel setzen, damit etwas passiert. Damit einem nicht immer nur alles scheißegal ist. Was soll das sonst alles, hier und überhaupt, und wie immer, wenn mich in den unpassendsten Momenten dieser Existenzfatalismus befällt, knickt mein linkes Bein weg.
Derart getunnelt und mit der Märtyrermiene eines Selbstmordattentäters klopfe ich an die dünne Pressholztür. „Yiees..?“ In meinem Kopf taste ich verzweifelt nach dem Fremdsprachen-Schalter, mehr als ‚Fuck!‘ will mir aber nicht einfallen. Fucking fuck, das hatte ich nicht bedacht.7 Schlagartig wird mir die Debilität 8dieser ganzen Aktion bewusst und die Scham längst verjährt geglaubter Peinlichkeiten holt mich erbarmungslos ein. Am Fernseher sitzend würde man jetzt umschalten. Scheiß Spiel, Schwachkopf! In der offenen Tür stehend sage ich so überzeugend, wie es eben noch geht, „Haaaiii!“.
Ich habe Argwohn, Misstrauen und Befremdung erwartet angesichts meiner platten Konfrontationstaktik, maximal Mitleid. Sechs indignierte Modelgesichter. Aber die Dinge liegen anders, in jeglicher Hinsicht.
Zunächst: das hier ist wirklich ein Nest! Jörg hat zumindest numerisch nicht übertrieben. Ich weiß nicht, wohin ich zuerst gucken, wen ich zuerst mustern soll. Allerdings ist das hier keineswegs ein Bataillon blonder Modelklone, soviel steht fest. Da ist für jeden Fetisch etwas dabei und ich bin ob dieses Umstands eher erleichtert als enttäuscht. Irgendwie kommen mir Opas bunter Weihnachtsteller (Dominosteine, Mandelzapfen, eingelagerte Äpfel aus dem Luftschutzkeller) und zotige Großonkelphrasen in den Sinn. Vielmehr leider nicht, so dass ich nur artig meine Frage nach dem Salz herausbringe. Die Damen hingegen, das ist die zweite Überraschung: überaus charmant! Und wie immer weitaus cooler, wenn es darum geht, komplizierte Angelegenheiten einfach zu handhaben. In spitzem Englisch fordern sie mich sofort zum Bleiben auf, lassen mich auf einer großzügigen Couch Platz nehmen, klären ganz nebenbei das Namensding (so dass ich der einzigen Frage, die mir in meiner Überforderung noch eingefallen ist, beraubt werde) und drücken mir einen Drink in die Hand. All das erledigen sie mit einer Souveränität, die mich gleichzeitig einschüchtert und anzieht. Ich beschließe daher, mit einer durchweg sinnbefreiten Unterhaltung zu kontern. Mitpokern, gewissermaßen. Global Player F. from Hamburg – aha, so so…
Wie sich ziemlich schnell herausstellt, sind es Finninnen aus Helsinki, die übers Wochenende Tallinns ‚Sundance Music Festival‘9 besuchen, alle etwa unser Alter, trink- und auch sonst ganz lustig und um vier von ihnen dürfen sich später gerne Lobster und Jörg kümmern. Kurz darauf kommt noch der Pater Domus (den männlichen Begleiter hat Jörg natürlich verschwiegen) aus der zweiten Etage des Apartments herunter und gesellt sich – so gut er noch kann – dazu. Er ist bereits beneidenswert voll, was mich angesichts der Saufemischen, die gereicht und wie Wasser getrunken werden, auch nicht weiter verwundert. Im Übrigen sieht er aus, als würde er Ville Hermanni Valo gerne mal gehörig eine verpassen, und – spendables Osteuropa – wie schon die Esten gestern Nacht scheint auch er gar nichts dagegen zu haben, dass ich hier in seinem Gehege wildere. Wir sind uns sofort sympathisch.

Florian blieb länger als erwartet. Was zum Teufel trieb der da oben? Ich malte mir in wildesten Pornophantasien eine Amazonenschar aus, die nur darauf gewartet hatte, endlich über einen Mann herfallen zu können. Warum nur war mir dieses Draufgängertum so völlig fremd? Warum hatte ich noch immer derartig unter den Nachwirkungen des gestrigen Abends zu leiden, dass ich mich eher auf eine unbewohnte Insel, als inmitten eine Heerschar wilder Mädchen gewünscht hätte?
Meine Wahnvorstellungen kamen etwas zur Ruhe, als wir Florian nach einigen Minuten die Treppe runterhasten hörten. In den Händen hatte er die Trophäen seines Raubzugs: Einen Gefrierbeutel mit merkwürdig blau aussehendem Salz und ein Gläschen Chilipulver, das zu gut 98% aus Natriumglutamat bestand; in seinem Gesicht hatte er den Ausdruck absoluter Zufriedenheit, in den aufgerissenen Augen ein Funkeln, um die Lippen ein spöttisches Zucken, als er die Tür aufstieß und geradewegs auf den Kühlschrank zuging.
„Das ist ja ein ganzes Nest!“ polterte er. „Und so nett!“ Er war bereits am Kühlschrank angekommen und hatte damit begonnen, sich die Arme mit Bier zu bepacken. Unsere fragenden Blicke bemerkte er wahrscheinlich nicht, erklärte kurz darauf aber trotzdem: „Ich geh‘ da wider rauf. Ich bin nur hier, um Bier zu holen. Kommt ihr mit?“ Jörg musste kurz überlegen. Ich nicht.

Inzwischen haben sich auch Jörg und Lobster hoch getraut und stehen noch etwas verloren am Eingang, ehe auch sie einen Drink aufgedrückt bekommen und in den geschwätzigen Kreis eingeführt werden. Die kleine Blonde mit dem spitzen Kinn macht mir Avancen, zumindest bilde ich mir das ein. Wohlwollend betrachtet hat sie was von Gwyneth Paltrow, wobei ich gerade nicht weiß, wie ich das nun finden soll. Aber sie erinnert mich auch an die Nachbarstochter mit dem schönen Namen, die irgendwann und viel zu früh nach Belgien fortzog, und das verstört mich dann doch ziemlich.

Florian war in seiner Erotomanie vollkommen entgangen, dass ich mich demonstrativ nicht an der Aufregung beteiligt hatte. Jörg hatte noch einen halbherzigen Versuch unternommen mich zum Mitkommen zu bewegen („Was soll ich denn mit denen reden?“), war aber auf Granit gestoßen. Er hatte sich schnell zu einer passenden Garderobe verholfen – Zähne geputzt wurde vielleicht später – und noch ein Bier gestürzt. Dann war er, mit den restlichen Reserven des Kühlschranks bewaffnet, hinter Florian her getrottet.
Ich nutzte derweil die Einsamkeit, um meinem rebellierenden Gedärm und mir lautstark Erleichterung zu verschaffen. Das eine Bier, das ich hatte retten können, nahm ich mit in mein Bett und gab mich ganz der Illusion hin, dass ich mich nicht im geringsten für das Geschehen dort oben interessierte. Ich versuchte, Martels Schiffbruch mit Tiger zu lesen, ein liebes Geschenk, in dem es allerdings bei weitem nicht hinreichend um die nationale Sicherheit geht, um mich auch nur notdürftig von den spannenden Geschehnissen, ein Stockwerk über mir, abzulenken.

Nach einer Weile entschuldigen wir uns, wir wollen ja wirklich noch kochen und mein Kindheitstrauma will erstmal verarbeitet werden. Nichtsdestoweniger, die Verabredung für den späten Abend steht.

Als es begann, unerträglich zu werden und ich anfing, hospitalismusgleich über unsere Wohnzimmermöbel zu tapern, hörte ich wieder das Getrappel auf der Treppe und hatte noch gerade rechtzeitig meine Jeans angezogen, bevor eine stark gepuderte, etwas derbe Dunkelblonde unser Apartment durchstöberte und zu mir sagte: „Why are you so shy, darling?“ Ich machte einen gequälten Gesichtsausdruck, hoffte, dass meine Fürze annähernd verflogen waren und bevor ich antworten musste, war sie auch schon wieder verschwunden. Das war also eine von den Finninnen.

Eine halbe Stunde nach Mitternacht stehe ich am weißen Glastresen der Pegasus Baar und komplett neben mir. Meine Handflächen schwitzen und mir schwant, dass irgendetwas grandios schief gelaufen sein könnte.
Die Stunden zuvor sind trotz oder gerade wegen der Begleitung der Finninnen erstaunlich ereignisarm verlaufen. Das Festival entpuppte sich als mittlere Katastrophe; ein Auflauf betrunkener und geschmacklos gekleideter Menschen tanzte zu untanzbarer Musik eines So-Called-DJs, dessen American-Gladiator-kompatibler Name mir gleich wieder entfallen ist (DJ Thunder? Storm? Thunderstorm?). Den Finninnen war das jedoch herzlich egal; sie haben dort andere Finnen getroffen und erfreuten sich obendrein an ihren mitgebrachten Getränken, in der Regel handwarme, klebrigsüße Mixturen aus billigem Wodka und einem finnischen Fantasurrogat. Wir hingegen: in routinierter Stadtfest-Pose, mit Pils am Pilz, gelangweilt. Hin und wieder ein Jägermeister-U-Boot, gekippt mit einen bärbeißigen Otto-Sander-Toast, aber ansonsten: gelangweilt. Gerade als unsere Stimmung zu kippen drohte, wurde es wohl auch unseren Nachbarn zu blöd. Die Paltrow und Anna, die zweite Entzückung im finnischen Bunde, schlugen vor, in die nächstbeste Bar zu gehen und so wurden wir im Schlepptau der inzwischen stark angewachsenen Finnengemeinde in das Pegasus gezogen.
Hier erwartete mich die gefürchtete Gesprächsfalle in Gestalt der geschwätzigen Dickbeinigen; mein objet du désir aber war mir entglitten, eingekesselt am anderen Ende des Tisches zwischen irgendeinem Finnenbengel von beachtlicher Statur und Treuherz Jörg. Zwar schenkte sie mir ab und zu einen Blick, aber der äußerst unsubtile Flirt vom frühen Abend war erst einmal passé. Die Dickbeinige und meine zwanghafte Höflichkeit gingen mir nach einiger Zeit ernsthaft auf die Nerven. Die Wangen schmerzend von Gelächel, unterdrücktes Gähnen immerfort, meine Zähne fingen an wehzutun. Ich musste hier weg, dieses Schlachtfeld war mir zu unübersichtlich. Ich entschuldigte mich zur Toilette, um an den Tresen zu fliehen.
Und da stehe ich nun, ich Stratege, und wage nicht zurückzugehen. Ich würde gerade ohnehin an dem Versuch scheitern, mich in diese große Runde fremder Menschen einzubringen oder gar einen erneuten, Charme versprühenden Angriff auf die Paltrow zu reiten. Ich betrachte stattdessen das Patrick-Bateman-Interieur der Bar und bestelle einen weiteren Digestif. Was gäbe ich drum, jetzt nicht hier zu sein, an diesem Ort, mit diesen Leuten und wie gerne ließe ich mich in die Arme meiner großen Liebe fallen, erschöpft und glücklich.

Nach dem Abendessen – irgendein Gemüsezeug, das wir in einem der zahllosen Restaurants billiger und besser, nicht aber in unseren Boxershorts hätten genießen können – verbrachten wir noch kurze Zeit mit heimlichem Rauchen auf den Fensterbänken und viel zu lautem Musikhören. Beides war mehr oder minder verboten, was unseren Juvenilismus nur bestärkte. Ich hatte mir, aus Angst vor Jörgs und Florians Hang zu elektronischer Musik, von meinen Mitbewohnern ein paar Punkrock-CDs mitgeben lassen. Nach anfänglichen Gewöhnungsschmerzen hörten wir jetzt eigentlich nur noch ‚Casanovas Schwule Seite‘10 und ‚Deadline‘.
Die halbe Stunde bevor man sich ins Nachleben stürzte, war hier gleich noch mal doppelt so aufregend. Es wurde erst jetzt langsam dunkel, doch die Stadt hielt die laue Wärme des Tages, als befänden wir uns in einer mediterranen Küstenstadt. Es prickelte jetzt auch wieder in mir – nur war es diesmal ganz angenehm.
Schließlich spülte uns der Durst auf die Straße. Und in die Bar Moskva.11 Dort nahmen wir – inzwischen wie selbstverständlich – ein paar Drinks zu uns und gaben Acht, dass wir den Mafia-Gesellen nicht auffielen. Die waren aber ganz mit ihren blonden Konkubinen beschäftigt und nahmen es Jörg nicht einmal übel, als er ihre Privatkellnerin ansprach. Die heutige Nacht war anderen Dingen vorbehalten.
Auch für uns. Wir lungerten noch ein bisschen am Bierpilz vom SDMF rum, bis uns endlich ein Anruf in die Pegasus Bar 12 rief. Dort angekommen gesellten wir uns zu den Finnen, bestellten in dem vollkommen leeren Lokal ein paar letzte Runden und erklärten Rammstein-Texte (Du hast, du hast, du hast mich…) und diskutierten (zum Glück auf Englisch!) ob die ganze Band – einfallslose These meinerseits – Neonazipropaganda ist.
Genervt kärcherte und das Tresenpersonal nach der endgültig letzten Runde auf die Straße.

Dass sich die Gruppe bereits von den Tischen erhoben hat und nach und nach die Bar verlässt, bemerke ich erst, als die Paltrow ihre Hand auf meine Schulter legt und mir in Infinitiv-Englisch zu erklären versucht, dass es weiter gehen soll. Ich begreife erst nicht recht (“further“..?), doch ihre blauen Augen gucken mich empathisch an und sie nimmt mich einfach an die Hand. Mir wird wieder leichter, als wir – bereits einige Meter hinter die Gruppe zurückgefalle n – die Bar verlassen. Die Paltrow heißt Anne und ist ganz fabelhaft. Sie hat mein Stimmungstief natürlich sofort bemerkt, aber in ihrer unaufgeregten, natürlichen Art überspielt sie es einfach. Prächtiges, cleveres, schlichtes Mädchen. Wir plauschen ein bisschen über dieses und jenes; erlösendes, banales Nichts. Sie schmiegt sich beim Gehen ganz leicht an mich und meine kleine Krise ist vorerst ausgestanden.
Jörg und Lobster haben sich zuvor des Ausgehtipps der flotten Verkäuferin des Secondhand-Geschäfts erinnert und der finnischen Delegation vorgeschlagen, die sich fatalerweise darauf einließ. Seit einer geschlagenen Stunde irren wir daher außerhalb der uns vertrauten Altstadt umher, auf der Suche nach dem ‚Bon Bon‘.13 Die dickbeinige Finnin wird allmählich maulig und will zu Hesburger, essen, schon klar, aber da finden wir den Laden endlich im Hinterhof eines hafennahen Gewerbegebiets. Die Enttäuschung ist groß. Nicht nur, dass der Schuppen rein äußerlich den Reiz einer nordnorwegischen Fischerbaracke ausstrahlt, fischig-barackig ist auch die Servicekraft am Empfangstresen. Wir scheinen so ziemlich die einzigen Gäste zu sein, doch über den Preis lässt man nicht mit sich reden. Das Mädchen wiederholt einfach nur mantrisch „tuuhandrid krrauns“, dabei stumpf zu dem Friseursalonhouse nickend, der durch die puffigen Vorhänge dringt. Was für ein Desaster! Das gibt morgen erstmal einen Anpfiff für die Zweite-Wahl-Tante, soviel ist sicher, aber aktuell haben wir andere Sorgen: die gesamte Finnenbande ist nun maulig. Und Biernot auch bei uns. Jetzt dürfen keine Fehler mehr gemacht werden, der nächste Vorschlag muss sitzen, also ab in das unweite Levist. Am Eesti-Frühkauf bietet uns ein recht technoider Tommy Hitler-Speed14 an, doch wir ziehen ein schnelles Bier vor und sind nun reif für den Keller.

Während wir so durch die Straßen irrten, kam auch ich den Finninnen etwas näher. Ich war weit davon entfernt, sie auseinander halten zu können (wodurch alle durch die eine Vielsprecherin mit Zahnfleischlächeln diskreditiert waren), aber eine schien ganz nett zu sein und so entschuldigte ich mich auch für mein „Strokes-Jackett“ (eine von Jörg aufgeschwatzte Okkasion aus dem Second-Hand-Laden, die in der nächsten Woche allerdings zu meinem treuen Begleiter werden sollte). Aber irgendwie fand sie das ja auch süß. Und diese Locken! Ich fühlte mich geschmeichelt, fand aber auch, dass das Thema damit erschöpfend diskutiert war. Ich setzte mich etwas von der Gruppe ab, einem vorauseilenden Hund gleich, der es nicht erwarten kann irgendwo hin zu kommen. Im Grunde waren mir die Finnen suspekt.
So kauerte ich mich im Levist auch zuerst gar nicht mit an die zusammen geschobenen Blechtische, sondern separierte mich, um ein bisschen das eingebildete Underground-Flair auf mich wirken zu lassen. Punker, Grufties, Bauarbeiter – alles schien sich hier zu treffen und in mir wurden Erinnerungen wach an die Jugendtage in der Kleinstadt, als das Ausgehen noch einfach war. Man ging in einen von drei Läden, und wenn das nicht der Proll-Laden und nicht die Chart-Disko war, dann befand man sich in angenehmer Gesellschaft einer wie auch immer profilierten autonomen Szene, die, mangels Ausgehalternative, aus allen möglichen Subgenres zusammengesetzt war.

Die Sonne geht auf und die Bordsteine unter der Kastanie vor dem Levist sind wieder gut besucht – ach, es ist herrlich. Mein Ausgehpragmatismus hat mich wieder fest im Griff; ich würde gleich bloß ein bisschen auf Lobster und dessen Gepflogenheit Acht geben müssen, bis zur alkholbedingten Impotenz nachzuordern (und der Kreis zu Otto Sander schließt sich).
Die Ärmel des weiß-hellblau-karierten Sakkos, das Jörg heute Nachmittag für ein paar Euro im Secondhand-Geschäft erstanden hat, enden ungefähr 8 cm über meinen Handgelenken, aber das ist dem Schmuddelfaktor nur zuträglich. Jörg, ja wo ist der eigentlich schon wieder hin? Und überhaupt waren hier doch eben noch mehr Menschen in unserem Apartment. Ich ziehe Anne noch ein Stück weiter heran, bis sie bereitwillig auf meinen Schoß rutscht. Nur noch Lobster und Anna sitzen gegenüber auf der Couch, in eine Art Unterhaltung vertieft. Irgendwann ist die CD durchgelaufen, in unserem Apartment herrscht jetzt eine unwirkliche Stille. Aus dem Off ein schwaches Klappern, dazu das einsame Pfeifen meines Tinnitus‘ und über unseren Köpfen tanzen die Vorhänge, unschuldig weiß.

Irgendwann hatte auch ich mich an den Tisch begeben, um das von den inzwischen leicht apathischen Finnen verschmähte Rock-Starkbier in mich hinein zu schütten. Nach einigem Stühlerücken saß ich dann auch neben besagter, ganz netter Anna und war unversehens in ein Gespräch verwickelt. Ihr Beruf – offenbar Reisen. Was kein Wunder war, ist sie doch das Ergebnis einer Affäre zwischen einem verschollenen deutschen Fährkapitän und einer finnischen Schiffsgastronomie-Angestellten – auf der Travemünde-Malmö-Linie, Anfang der achtziger Jahr, wenn mich nicht alles täuscht. Schon wenig später hatten wir, noch ganz bestürzt von diesem Schicksal, Pläne zur Auffindung des vermissten Vaters geschmiedet. Als das geklärt, die Familienzusammenführung sozusagen schon in trockenen Tüchern war, bekam ich eine SMS: „Du hass mich. I libe dich Guten morgen. Anna“ Das zeugte von großer Schulbildung, und knüpfte an die Rammstein-Unterhaltung an, in der es ja um die Doppelbedeutung von hast/hasst gegangen war. Ich gab mich unbeeindruckt und versuchte in Schulmeistermanier an der Grammatik rumzumäkeln, war aber im Grunde ganz bezaubert von dieser unerwarteten Sympathiebekundung.
Als das Bier leer war und das Levist uns auf die Straße spuckte und wir uns in unserem Apartment wieder fanden und noch ein lustiges Namensspiel spielten (Florian: „Du kannst denen doch nicht meinen echten Namen geben!“), bei dem herauskam, dass wir eigentlich alle super Pärchen abgaben, und „die Dicke15 sich zu gehen anschickte, bat ich sie über Nacht zu bleiben, was angesichts einer 96,3-prozentigen Chance auf ein glückliches Zusammenleben, bis der Tod uns scheide, auch nur plausibel erschien.
Tja und Jörg? Der hatte sich aus’m Staub gemacht und war, Treueeid hin oder her, wahrscheinlich gerade dabei, sich durch die Betten der vier anderen Finninnen und ihres männlichen Begleiters zu schlafen.

Florian und Lobster

  1. ‚Tito’s‘, Mallorca 2002. Wie immer erreichte das Wummern des Basses ungeahnte Dezibelregionen; wie immer war ich zu eitel für Klopapierohren und der Hörschaden perfekt. Die folgenden Tage: Freddy Heflin in Copland. Aber jener Abend: unbezahlbar.
  2. Wir hatten uns angewöhnt, von Tommys (wahlweise „dem Brit“), Itakern und, wenn er nicht gerade um die Ecke stand, dem Ivan zu reden. Uns schien das gerecht, werden doch die Finnen aufgrund ihrer Trinkfreudigkeit und der damit verbundenen Trägheit von den Tallinnern als Wal bezeichnet. Und die Kosenamen, die man an uns vergab, wollten wir uns lieber erst gar nicht vorstellen – Krauts hätten wir als liebevoll empfunden.
  3. Rataskaevu 3, geöffnet von elf bis eins, am Wochenende bis drei.
  4. Nahm ich jedenfalls an, sollte aber eines besseren belehrt werden, als wir kurze Zeit später ein Second-Hand-Geschäft betreten. Wer sich außergewöhnlich schätzt, weil er im ‚Humana‘ Parteifunktionär-Sakkos kauft, sollte hier einen Blick riskieren. Neben einem großen Baltpop-Plattensortiment finden sich Pilotenblusen kasachischer Propeller-Airlines und Klett-Turnschuhe allererster Kajüte, wie man sie hin und wieder in Fotoreportagen über die verlassenen Dörfer rund um Tschernobyl entdeckt. Ein klares Vice-Do!

  5. Olde Hansa, Vana Turg 1, täglich von 12 – 24, www.oldehansa.ee
  6. Jörg hat sich nicht hingelegt. Natürlich nicht. Er ist einer von diesen Unkaputtbaren, ein wahrer Saufaus und der Dean Moriarty dieses Trips. Jene Sorte Mensch, die um 8 Uhr morgens auf dem Heimweg noch bei der Tanke vorbeigeht, um sich einen Sechser zu kaufen.
  7. Für gewöhnlich lege ich mir meine Sätze, insbesondere bei unbekannten Gesprächspartnern oder wichtigen Telefonaten, vorher penibel zurecht. Das ist einem beinahe unmerklichen Sprachfehler (eine verschlampten „sch“-Schwäche) und einer unprononcierten und hastigen Sprechweise geschuldet. Es gibt da einfach ein paar Wörter, die ich nicht unfallfrei aufsagen kann. Meinen eigenen Vornamen zum Beispiel: Flo’an. Ganz besonders tückisch sind allerdings Wortkombinationen wie „Die Niederlage der Niederländischen Nationalmannschaft“. Heißes Gestotter, kalter Schweiß! Ich sage besser: „Holland hat verloren.“
  8. Wir nannten in diesem Urlaub fast alles debil oder auch grenzdebil. Schlimmer Auswuchs war ein geträllertes Grenzdebilitä-tä-rä-tä-tät.
  9. Von Sundance hatten wir auch schon gehört (Redford und so) – nicht umsonst hatten wir den Flug an jenem teuren Freitag gebucht, an dem das SDMF 2005 in Tallinn stattfand. Sun Dance! Das klingt von vornherein stark nach einem östlich-saloppen Euphemismus. Was man jedoch nicht vergessen darf: Eine Tageslänge von knapp 20 Stunden – also ein Sonnenaufgang um halb vier Uhr morgens – führt zwangsläufig zu einem gestörten Verhältnis zur Sonne. Und tanzen, ja tanzen können die Esten. Davon konnten wir uns schon am vergangenen Abend überzeugen, auch ohne dass wir näher als bis zu einem der vorgelagerten Bierpilze mit Stampfbeschallung an das SDMF herankamen.
  10. All time favorites : „Der Kinn-Nasen-Prof.“, „Grafenwöhr“ und „Mein Kühlschrank“.

    www.casanovasschwuleseite.de

  11. ‚Bar Moskva‘, Vabaduse Väljak 10 (www.moskva.ee), schniekes Interieur, westliche, d.h. für normale Tallinner unbezahlbare, Preise und auf zwei Gäste kommt eine langbeinige Kellnerin im hochgeschlitzten Kleinen Schwarzen. Ein Laden zum Sehen und leider auch gesehen werden. Wer hier rein geht, ist Tourist, gehört zur Mafia oder lässt sich seine Drinks bezahlen. Wenn Schießerei im Milieu mit einigen westlichen Opfern, dann hier. Die gepanzerten Karossen mit den getönten Scheiben warten jedenfalls mit laufendem Motor.
  12. Harju 1, normalerweise geöffnet von acht bis eins. Wenn es in der Moskva Bar noch schnieke ist, ist es hier nun endgültig exaltiert. Wo man auch hinsieht eine Lichtinstallation, was man auch anfasst massives Material, wo man auch draufdrückt ein futuristisches Summen oder sattes Klacken.

    www.restoranpegasus.ee

  13. ‚Bon Bon‘, Mere Pst. 6 (www.bonbon.ee).
  14. Hitler-Speed. Das war den Nazis schon als Pervetin geläufig, macht hallowach, arschselbstbewusst und ermöglicht tagelangen Sex oder tagelanges Tanzen. Im Prinzip wie Kokain, nur heftiger und: billiger.
  15. Florian hatte in seinem chauvinistischen Fachjargon Anna sofort als die Dicke und Anne als die Dumme tituliert, letzteres kann ich nicht beurteilen, ersteres, von einem kleinen Kugelbauch abgesehen, nicht bestätigen.
Dieser Beitrag wurde unter Euphoria Estonia veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.