Estland-Logbuch Tag 3 – Reif für die Insel

Als ich auf dem Weg zum Klo Jörg mit einem Tüchlein bedeckt auf der Couch, dem Platz, den ich der Estin vorgestern nicht hatte zumuten wollen, liegen sehe, befällt mich ein konkretes Unbehagen. Wir müssen raus aus dieser Event-Tretmühle. Wir sind reif für die Insel. Tallinn hat uns innerhalb von nur knapp zwei Tagen geschafft.

Wo er gestern Abend war? „Weiß nich‘. Draußen.“ Wann und wie er heim gekommen ist? „Was…?“ Die paar Stunden seines Lebens sind wahrscheinlich auf ewig ausgelöscht. Eine etwas irre Geschichte von einem estnischen Eminem, mit dem er den Weg zu unserem Apartment gesucht habe, ist alles, was aus ihm heraus zu bekommen ist. Während wir bei der Rekonstruktion des Abends geschäftig nach dem: Und wo warst Du? fragen, kommt Anne kichernd aus dem Zimmer, in dem eigentlich auch Jörg liegen sollte. Meine Vermutung wird bekräftigt, dass man jedenfalls dort, nicht mit dem ersten tiefen Atemzug und in einer Kopfstreichelbewegung erstarrt, sanft entschlummert ist.
Da die beiden Mädchen um 12 Uhr auschecken müssen, entgeht uns ein Frühstück in großer Runde, was mir in Hinblick auf mein körperliches Unbehagen auch ganz recht ist. Wir versprechen uns zu schreiben.
Geduscht wird heute mal nicht. Und auch das Lobster-Shirt, das gestern seine Schuldigkeit ja eigentlich schon getan hat, bleibt an. Mich treibt es an die Luft. Unter wolkenverhangenem Himmel stolpern wir in verkaterter Ichbezogenheit durch die Straßen, ohne zu wissen wohin wir eigentlich wollen. Die Altstadt ist uns inzwischen soweit vertraut, dass uns ein gelegentliches Aha-Erlebnis befällt, wenn wir an eine Straßenecke kommen. So lassen sich die Stationen der letzten Nächte noch einmal bei Tage betrachten: Dort das Levist, irgendwo da hinten das Von-Kraahli und haben wir nicht auch gestern Nacht an dieser Kreuzung gestanden und Stadtpläne studiert? Alles scheint lang zurück zu liegen. Es könnte auch der Urlaub von vor einem Jahr sein.
Weiter geht es, vorbei an den Drei Schwestern1 und durch die Strandpforte, ein großes Tor in der Stadtmauer, das von der Dicken Margarete2 flankiert wird. Die historisch wertvolle Architektur kann unsere Begeisterung allerdings nicht entflammen. Der Post-Rausch-Fatalismus, der den gestrigen Abend in den psychedelischen Farben des Unglaubens nachzeichnet, hat uns noch fest im Griff, als wir jäh mit der harten Realität der aufstrebenden östlichen Wirtschaftsmetropole3 konfrontiert werden. „Gerade noch im Publikum, jetzt auf der Showbühne!“, flüstere ich als klägliches Rudi-Carrell-Imitat, doch keiner lacht. Den Witz habe ich selbst nicht verstanden.
Wir stehen an einer sechsspurigen Ring-Umgehungsstraße, deren Lärm – vergleichbar mit einer heranstürmenden Barbarenhorde, gegen die die Stadtmauern einst ebenfalls schützten – mich wie ein Hammer vor den Kopf trifft. Tatsächlich könnte der Kontrast zur putzigen, fast autofreien Altstadt kaum größer sein. Mir ist schon klar, dass es auch hier Autos geben muss, dieses kleine Detail habe ich in unserer kleinen Playmobil-Ritterburg aber ganz vergessen. Fern von kapitalistischer Nächstenliebe und nur des Wiedererkennungswertes wegen, freue ich mich nach dem ersten Schock allerdings sehr über das prosperierende Leben, gefühlte Meilen jenseits der Altstadt-Pittoreske.
Und bald sehen wir ja auch schon wieder das, weswegen wir eigentlich hier sind: Wir betreten den Vorplatz zu einem monumentalen Bau, der als Townhall4 gekennzeichnet ist. Wahrscheinlich haben sich hier im Zweiten Weltkrieg unsere Vorväter als Befreier von der russischen Fremdherrschaft, oder etwas später, die Brüder aus Moskau als Befreier von der deutschen Unterdrückung feiern lassen. So oder so: Beide wären zu dieser gelungenen Inszenierung von Glorie nur zu beglückwünschen. Das Konzept geht jedenfalls auf, wir sind wahrhaft eingeschüchtert, fasziniert und bestochen zugleich.
Das erstmals 1918 unabhängig gewordene Estland litt ab 1940 unter sowjetischer Besatzung um kurz darauf dann durch deutsche Truppen heim ins Reich geholt zu werden. Darauf folgte wieder eine Besetzung durch die Sowjetunion, aus der sich die Esten erst im August 1991 singend in die Unabhängigkeit befreien konnten. Trotzdem haben wir immer das Gefühl, freundlich aufgenommen zu werden – so wie anfangs auch die deutschen Truppen. Und genau das sind wir ja auch jetzt: Eine Horde quantitativ und materiell überlegener Besatzer auf der Suche nach billigem Amüsement.
Mit diesen unqualifizierten Geschichtsbetrachtungen tragen wir uns nun beim Anblick der in Beton gegossenen Herrlichkeit, um sie sofort in Form eines Herrscherbildes wider der Niederträchtigkeit der estnischen Emporkömmlinge auf Celluloid zu bannen. Mit andächtigem Eifer suchen Jörg und Florian die besten Kulissen und schönsten Gesten, während ich mich mal wieder verschämt nach Beobachtern umschaue, also gewissermaßen Schmiere stehe. Insgeheim frohlocke natürlich auch ich bei dem Gedanken an einen zukünftigen Diaabend mit protestierenden Waldorfschülern und Toasts ausbringenden Russlanddeutschen und bin fast enttäuscht, dass es keinen richtig ausgeführten „römischen Gruß“ zu sehen gibt – früher war eben doch alles besser! Dass wir unseren großdeutschen Albernheiten hier auch vor einem urestnischen Architekturdenkmal frönen könnten, kommt mir übrigens gar nicht in den Sinn.

Der dritte Tag und ich endlos leer. Leer auf diese runtergerockte Art, Wochenend-Ende, Tristesse total, Sonntag royal. The Sabbath thing is so arcane. Aber dann auch wieder, auch immer wieder ganz erstaunlich, gar nicht schlimm eigentlich. Zerschlagene Zufriedenheit, zufriedene Zerschlagenheit (man hatte ja was geleistet, die letzten Nächte) und mehr so das ganz große Einerlei.
Entscheidungen wollte Florian Meursault heute jedenfalls keine treffen. Kleines Frühstück? Voll okay. Mal eine rauchen? Mal lieber nicht. Und gleich mal ans Wasser? Och, meinetwegen, dann ging es eben raus. Es war ja auch einer jener frischen Sommersonntage, die einem mitunter so herzlich willkommen sind. Der Himmel stahlblau und von weißen Wolkenbergen durchzogen, weder kühl noch warm, erträglich in jedem Fall, und die Luft so klar, dass sich der trübe Schleier in meinem Kopf allmählich verzog.
Die leichte Brise, die uns noch in den engen Gassen der Altstadt umgeben hatte, hob, je näher wir der Baltischen See kamen, zu einem forschen Küstenwind an. Normalerweise ist es mir dann ungeheuer lästig, wenn meine Haare durchzaust werden und der Wind unbarmherzig meine Geheimratsecken freischeitelt, heute jedoch empfand ich das fast als Befreiung. So verweht, so verwegen stand ich dann da, auf dem protzigen Plateau vor der Townhall, hinter dem sich unzählige Stufen zu einer Tallinnschen Ausführung der Potemkin-Treppe erhoben, und ließ mich – jetzt vollends gleichgültig – in ideologisch-übergreifenden Victory-Posen von Jörgs Minolta abschießen. Die Skater-Jugend guckte kurz argwöhnisch, beschloss dann aber, sich nicht weiter um uns zu scheren.

Während hinter mir noch die letzten Kolonialherrenfotos geschossen werden, erklimme ich die Stufen gen Himmelreich. Auf der nächsten Ebene des pyramidenartigen Baus, weisen Laternen in abblätterndem Türkis den Weg zu unproportional kleinen Türen, die einst ins Innere geführt haben müssen. Dazwischen wuchert die Vegetation, zumeist vergilbtes Steppengras, das seine Wurzeln in den rissigen Beton krallt. Vollkommen im Banne dieser Leni-Riefenstahl-Kulisse überquere ich dieses erste Hochplateau, während Jörg, der überall ein lohnendes Motiv zu entdecken scheint, am Fuße der Pyramide ein immer kleiner werdender Punkt wird: Kurzsichtigkeit, Kater und der Gigantismus dieser Immobilie vertragen sich nicht. Als ich die letzten Stufen einer neuerlich vor mir aufragenden Freitreppe schwer atmend bezwungen habe, öffnet sich vor mir ein Panoramablick auf eine Menge Altglas, noch mehr angeranzten Beton – und die von ein paar Inselchen zerteilte Ostsee. Kann Reinhold Messner jemals ein erhabeneres Gefühl gehabt haben? Ich denke nicht.
Vor mir der Finnische Meerbusen, rechts Tallinns Überseehafen, aus dem diverse Fähren ihre dunklen Qualmwolken in den Himmel und zu mir den Klang einer verstimmten Bordkapelle schicken. Heute ist der Tag für große Vergleiche: Der Untergang der Titanic muss von ähnlicher Melodie begleitet gewesen sein.
Die hie und da stehenden leeren Schnapsflaschen und an die Wände gesprühten politischen Symbole aller Couleur, schlagen die Aufmerksamkeit des Betrachters in ihren Bann, sodass ich erst spät meinen Blick zurück, auf den in der Ferne liegenden bunten Stadtkern, schweifen lasse. Nun wird klar: Genauso zweckmäßig wie die Stadtmauern den Lärm von draußen abhalten, stellen sie die Schrecken der Touristikbranche in der Altstadt unter Quarantäne. Drumherum scheint es tatsächlich halbwegs normales Leben zu geben.
Links von mir erkenne ich, über ein Sprüh-Hakenkreuz spähend, zugewachsene Hafenanlagen und blutrot gestrichene Lagerschuppen aus längst vergangenener Zeit. Wo, wenn nicht hier, legte Störtebeker nach einer gelungenen Kaperfahrt an, um seine Hehlerware feil zu bieten?
Der Rundblick ist gemacht, wir stehen inspirationslos auf unserem Aussichtspunkt, wie man auf Aussichtspunkten eben so steht: Wenn man sich alles angeguckt hat, fragt man sich was man dort eigentlich soll und warum man nicht da ist, wo man die ganze Zeit hinstarrt.
Wenn doch nur eine dieser hier rum stehenden Flaschen wenigstens noch halbvoll wäre – uns eingeschlossen! (Ja: Meine Gedanken sind ungefähr auf Trappatoni-Niveau.) Auch die vereinzelt umherwandelnden Pärchen sehen aus, als hätten sie zur Mittagszeit schlechten Sex gehabt und die viel zu jungen Mädchen, denen ich in einem pädophilen Anflug mit dem Teleobjektiv nachstelle, drehen sich immer in die falsche Richtung. Die Idee, eine Fähre für die für morgen geplante Reise zur Insel Saaremaa5 zu buchen, wird bald auf Eis gelegt. Nehmen wir halt den Bus! Das ferne Morgen ist sowieso egal.
Die postalkoholische Hochform lässt bei mir minütlich nach. Es fängt an, anstrengend zu werden. Diese Rumsteherei auf diesem verdreckten Klotz entbehrt bald jegliches Kitzels. Scheiß Wind, scheiß See, scheiß Leute, kotige kleine Tauben, überdimensionierte Möwen. Der Ostchic eines vergammelten Tanzlokals auf der Seeseite der Pyramide, „aus dem man bestimmt was machen könnte“, dringt bloß noch mit starker Verzögerung zu meinem Bewusstsein durch. Nur der irgendwie an Kriegsspielzeug erinnernde Shuttlehelikopter, der wenige Meter neben uns zur Landung ansetzt und uns für den Monatslohn eines unterbezahlten Estenmädchens nach Helsinki bringen könnte, kann mich noch kurz aus der Lethargie reißen. Danach umgarnt mich ein Wattebausch. Der Rückweg Richtung Altstadt wird von mir in mechanischer Sturheit bestritten. Besoffene Russen, die gefährliche Kopfsprünge in das alte Hafenbecken vollführen – beneidenswert, aber nicht nachahmenswert. Eher etwas unheimlich. Wer weiß, was die mit deutschen Touristen anstellen! Da wurden doch irgendwann mal Verträge gebrochen, sagt man.

Rostige Stahlträger ragten aus dem schwarzen Wasser des stillgelegten Hafenbeckens. Die Kaimauern mussten sich schon vor Jahren der Natur ergeben haben, denn an mancher Stelle hatte sich eine strandige, von blühenden Wildblumen und feucht schimmernden Kieseln durchsetzte Uferböschung gebildet. In diesem Post-Industrie-Idyll picknickten Familien nebst sich befuselnden, aber friedlichen Stadtstreichern, ein jeder die Idealbesetzung in einem längst ausgestrahlten ZDF-Weihnachtsvierteiler. Und dann traf sich hier noch diese Fraktion russischer Männer, die leidenschaftslos ihre Angeln auswarfen. Am höchsten Punkt der Kaimauer versammelten sich einige dieser grobschlächtigen Gestalten, deren rasierte Schädel, knappen Kampftaucher-Speedos und martialischen Tätowierungen auf eine verwegene Rotarmistenkarriere schließen ließen. Fasziniert betrachteten Lobster und ich, wie sie mit rasselndem Gelächter blindlings in den dunklen Abgrund hechteten. Gleichzeitig fürchteten wir aber auch, zu sehr wie Zoobesucher zu gaffen und so den Garde-Iwan möglicherweise zu verstimmen. Jörg plagten solche Sorgen nicht. Er stellte sich einfach unerschrocken vor ihnen auf und fotografierte begeistert drauf los, immer wieder ein ‚Ah‘ und ‚Hoo!‘ murmelnd und den Daumen nach oben reckend. Die Kerle beachteten ihn scheinbar nicht weiter, aber an der Art, wie sie sich fortan ins Wasser stürzten, war zu merken, dass sie sich geschmeichelt fühlten.

Wir sehen noch einen chic vergangenen Fußballplatz, der mal wieder als Kulisse für alles herhalten könnte. Und merkwürdig schmale Bahnschienen, auf denen eigentlich eine von Pferden gezogene Straßenbahn vorbeirattern müsste. Mein Kopf versagt schließlich endgültig seine Dienstwilligkeit, nimmt diese Romantika nur noch als Standbilder auf, die für spätere Zeiten in Sepia abgelegt werden. Er möchte nur noch auf weiches Tuch gebettet werden.
Während Jörg und Florian planen, einkaufen zu gehen, beschließe ich, den Heimweg anzutreten und zuhause weiter zu leiden. Dieser erste Anflug von Allein-Sein-Wollen wird mit einem mir angenehmen Gleichmut hingenommen, sodass ich mich unbekümmert, wenn auch mit einem Anflug von Wehmut, von meinen Gefährten trenne. Während sie womöglich zu neue Abenteuer weiterziehen, ist für mich an dieser Stelle die Reise vorerst zu ende. Verwundet humpele ich von dannen, mit der Befürchtung, dass mich im Hospital keine schöne Krankenschwester pflegen wird. Auf der Leinwand eignete ich mich heute nicht mal mehr dazu, die Verfolger mit fünf Patronen aufzuhalten, bevor ich mir die letzte in den Kopf ballere.

Um Lobster war es die letzte halbe Stunde still geworden, aber sowohl Jörg, aufgrund seiner Fotosafari immer gerade so Anschluss haltend, als auch ich fanden nur noch stumm den Weg zurück durch die Strandpforte in die untere Altstadt. Die zahlreichen Eindrücke der ersten Tage waren erschöpfend abgealbert. Aus unserem Dreigespann war ein ziemlich versprengter Haufen geworden und zwischen jedem von uns klafften bald 50 Meter Pflasterstein.
Lobster erwartete mich wortlos auf dem kleinen Platz unterhalb des Dombergs und gleichsam schweigend warteten wir auf Jörg, dann verabschiedete sich Lobster in knappen Worten Richtung Wohnstatt. Er war einfach durch, das merkte man, und auch das ging absolut in Ordnung. Jörg und ich blieben etwas verloren und ratlos zurück, ein jeder schien auf eine Bewegung, einen Entschluss des anderen zu warten, doch es rührte sich rein gar nichts. Still stehen, Stillstand. Ich guckte mich ein bisschen um, entdeckte gegenüberliegend die ‚DM-Bar‘,6 betrachtete die eher unappetitliche Auslage des Schlachterei-Bäckerei-Kombinats und verwarf den Gedanken, den Anstieg zum Domberg zu nehmen, um mir auf einer der Aussichtspunkte die Postleitzahlen der Verwandtschaft ins Gedächtnis zu rufen. Sehr beschaulich alles, sehr betulich jetzt. Kein Urlaubsstress und kein Touritainment für diesen Augenblick. Das ging ja auch mal sehr gut, hier, auf einem kleinen Platz, an einem milden Sonntagnachmittag, und daran schien Jörg ebenfalls Gefallen gefunden zu haben.
Dann also doch mal eine Bewegung. Wir warfen unsere Taschen auf eine Mauer und suchten tatsächlich den Essenskrämer auf für Bier, Zigaretten und Franske Hotdog. Die Pölser schmeckten ganz fürchterlich, auch das egal, wir warfen sie bald weg und versuchten vergeblich, den wurstigen Nachgeschmack mit Stella Artois wegzuspülen. Die beiden Mädchen, die uns eben noch so devot bedient hatten, bezogen derweil aufreizend und erstaunlich professionell Position vor dem Laden. Sie hatten Notiz von Jörgs beeindruckender Fotoausrüstung genommen, zwei Lolitas, von der Fleischtheke auf den Catwalk. Ach ja, ach je, befand Moralomerkels, schlimmes estnisches Fashion-TV, verdorbenes Land dann doch. Andererseits, Sittlichkeit hin oder her – ihre Darbietung weckte mich aus meiner Apathie. Scheinbar beiläufig schoss ich ein paar Impressionen, dann stellte ich sie im Sucher scharf und hielt voll drauf. Die Automatik der Minolta schnurrte los, Jörgs bleierne Erläuterungen zur Funktionsweise seiner Spiegelreflex nahm ich schon kaum mehr wahr. Meine Aufmerksamkeit richtete sich jetzt vielmehr auf den Strom junger Dinger, die hier an einem öden Sonntagnachmittag diesen unverdächtigen Platz zu kreuzen hatten. Ein fantastisches Aufgalopp in sexy Wohlfühlklamotte. Viel Leggins, viel Oversize, viel schulterfrei – ich war hingerissen, und Jörg war es auch. Er vertraute plötzlich auch nicht mehr auf mein photographisches Talent, sondern nahm die Sache jetzt selbst in die Hand, und als sei es sein ureigenster, durch Halten einer Kamera ausgelöster pawlowscher Reflex, fing er auch wieder an zu murmeln. Er murmelte und murmelte, murmelte immer schneller, setzte dann und wann sein Bier an und sofort wieder ab, dass es ihm an seinem Kinn zum Hals hinunterlief, steckte sich, die Kamera fortwährend vor dem Auge haltend, eine Zigarette an, und hörte bei allem einfach nicht auf zu murmeln, murmeln, murmeln. Ich war bestens unterhalten. Jörg hingegen war in Trance und schon längst mit dem Objektiv seiner Minolta verschmolzen; das Geschehen außerhalb seines Focus interessierte ihn nicht mehr.
Die Abgeschossenen, die entzückten sich, nach einem gezierten Überraschungsmoment, an der Vorstellung, hier für ein paar Sekunden Modell zu gehen. Manch eine warf ihren Kopf gekonnt zurück, eine andere drehte sich am Ende der Straße noch einmal lasziv um und die nächste, sonnenbebrillt und mit schweren Kopfhörern, konnte sich zumindest ein geschmeicheltes Lächeln nicht verkneifen. Mensch Mädchen, dachte Florian Schimanski, und wähnte sich zum zweiten Mal an diesem Nachmittag an der Fleischtheke.

Zuhause, im leeren Apartment angekommen. Ich schnuppere an meinem Kopfkissen, ob es nach Finnin riecht. Tut es nicht. Sich hinzulegen und Schwindel heraufzubeschwören, lohnt sich also auch nicht. Da auch an lesen nicht zu denken ist, beschäftige ich mich mit den drei Fernbedienungen, die den Anschein erwecken, als befänden wir uns in einem multimedial rundum versorgten Haushalt. Weit gefehlt. Der riesige Fernseher funktioniert, seine Peripheriegeräte nicht. Deutsches Sportfernsehen (nirgendwo kann man sich so schlecht vor der Tour de France schützen wie im Sommerurlaub) oder besser noch eine Snookerpartie auf BBC via Satellit – dazu fehlen dem Receiver und auch mir einfach alles: Karte, Strom, Schüssel, Einstellung und Plan. Was ich empfange, sind ungefähr drei estnische und ein weiterer Sender in unverständlicher Sprache. Während ich einen Zeichentrickfilm sehe, der von genau einer Synchronsprecherin liebevoll ins Estnische übertragen wird, dämmert mir, warum es hier keine Adipositas zu geben scheint. Das Fernsehprogramm ist einfach zu schlecht. Diese dreieinhalb Sender kann man nicht mal als Unterschichtenfernsehen bezeichnen und wenn einen deutsches Fernsehen zum Buch greifen lässt oder mangelnde Qualität wenigstens durch Schokoladenkonsum kompensiert werden kann, langweilt einen estnisches Fernsehen entweder zu Tode oder treibt einen raus, auf die Straße, in den Park, zu seiner Liebsten. Das hält schlank.
Kurz bevor ich Spinnenweben ansetzte, kehren Jörg und Florian seltsam angespitzt heim. Sie hätten irgendwo gesessen, Bier getrunken und Fotos gemacht. Ich werde neidisch, als sie mir von den geknipsten Schönheiten erzählen und freue mich – wahrscheinlich das zweite mal in meinem Leben – auf einen Diaabend.
Der Rest des Abends. Nicht fernsehen, unzulänglich essen, lieber nicht rauchen, eigentlich auch mal besser kein Bier trinken, kein Whist (sondern ausgedehnte Lähmungserscheinungen auf allen Ebenen), kein gutes Buch (sondern nur eines das mich langweilt), keine Vorfreude auf die kommende Woche (sondern Reiseübelkeit), kein erholsamer Schlaf.

Nur zerwühlte Bettwäsche.

Lobster und Florian

  1. „Kolm õde“, Pikk 71. Drei bunt renovierte Häusern aus dem 15. Jahrhundert, die ein reicher Hansekaufmann für seine Töchter bauen ließ.
  2. „Paks Margareeta“, Pikk 70. Ein beeindruckender Geschützturm aus dem 16. Jahrhundert. Jetzt das Estnische Museum für Seefahrt, das fast unkommentiert offenbar alles ausstellt, was irgendwelche Badewannenkapitäne im Vorruhestand zusammengeklebt haben. Es lohnt sich!
  3. Estlands jährliches Wirtschaftswachstum ließe allen alteuropäischen Wirtschaftministern Freudentränen über die eingefallenen Wangen rinnen.
  4. Eine irreführende Bezeichnung, steht das Rathaus doch im Altstadtkern.
  5. Saarema ist die größte estnische Insel und nur mit der Fähre zu erreichen. Wir hatten uns am Hafen schlau machen wollen, ob es eine Direktverbindung gibt, hatten aber nur Schiffahrtslinien nach Helsinki gefunden. Es lief also auf eine Kombination von Bus und Fähre hinaus.
  6. Ein colakornkompatibel aufgemachter Depeche-Mode-Huldigungsschuppen, der immerhin noch Erwähnung auf den einschlägigen Ratgeberseiten wie ‚worldsbestbars‘ oder ‚inyourpocket‘ findet. Zwei Hirnbilder, bereits nach wenigen Stufen hinab in das komplett geschwärzte Gewölbe: das ‚Tucholsky‘ und das ‚Böll‘ in der Kieler Bergstraße; 01. Juli 1990, die ersten 50 Westmark, mit vor Aufregung zitternden Fingern investiert in AC/DCs ‚Let There Be Rock‘-LP. Kurzum: Nur für ganz hartgesottene Depeche-Fans.
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