Stutenbiss

Wenn Kommunikation das entscheidende Thema ist, hatte ich hier genug davon! Nicht etwa, dass ich mich mit jemandem unterhalten hätte – mit wem auch? Für die scharfen Mädchen auf der Suche nach einem finanzkräftigen Gönner war es zu früh und ich wahrscheinlich auch nicht finanzkräftig genug. Obwohl – mein Portemonnaie war voll mit Scheinen jeder Größenordnung, was hier allerdings nicht zwangsläufig von großem Reichtum zeugte.

Und mit den geschäftsmännisch aussehenden Brillen- und Ziegenbärtchenträgern (womöglich finanzkräftig genug), selbst wiederum auf der aussichtslosen Suche nach einer von den scharfen Mädchen, wollte ich mich auch nicht anfreunden. Womöglich hätte ich ihnen Schützenhilfe bei ihrem unmoralischen Spielchen geboten und das war ganz und gar nicht meine Absicht.

Andererseits wären die bestimmt noch spannender gewesen (obwohl ihre Einsamkeit eine Mauer aus glühender Verzweiflung um sie errichtete) als die Familienväter und Radfahrer-Hippies, mit der Sehnsucht ein Stück verpasster Jugend nachholen zu können, die sich „aus Versehen“ hierher verirrt hatten, weil sie eine von den knapp bekleideten Bedienungen gesehen hatten (an die auch die Finanzkräftigen nicht ran kamen, wenn sie nicht obendrein noch über ausgezeichnete Kontakte verfügten). Ihnen wurde ein Bier resp. Rooibostee kredenzt und dann mit Bestimmtheit darauf gewartet, dass sie ihre Rechnung beglichen. Auf diese Weise sparte man sich tagsüber den Türsteher und gab sich den weltoffenen Anschein, den auch die Finanzkräftigen brauchten, um das absurd lächerliche Gefühl zu bekommen, dass man hier nicht nur hinter ihrem Geld her war.

Nachdem ich meinen Kaffee with steamed milk (sie war in Wirklichkeit lau warm) ausgetrunken hatte, stellte ich mir die bange Frage, zu welcher Gruppe ich eigentlich gehörte. Die Hoffnung war, dass man mir, solange es noch früh und die scharfen Mädchen noch nicht da waren, wenigstens zwei Getränke zugestehen würde. Doch erstmal war es geboten, die unisex facilities aufzusuchen, um erstens ein wenig Aktionismus an den Tag zu legen, und zweitens mein vollgeschriebenes Blatt Papier, auf dem ich so getan hatte, als hätte ich Notizen für meine Model-Agentur „First Beauty“ gemacht, für alle Welt sichtbar auf dem Tisch liegen zu lassen.

Ich hatte mir extra eine Mappe gekauft, dickes Pergament mit einer schlichten aber eindeutigen Kopfzeile und einige Fotos von schönen Frauen aus dem Internet auf Fotopapier ausdrucken lassen. Kostenpunkt etwa 14 Euro.

Sicher – du fragst: „Wozu das alles?“ Vernünftig! Die übliche Antwort wäre: „Ich wusste auch nicht, wozu ich das alles tat. Ich war so gelangweilt von meinem üblichen Leben und wollte ein Mal jemand anderes sein. Bla, bla, bla…“ Und dem ist kaum etwas hinzu zu fügen. Ich wollte für jemand anderes gehalten werden und das schien hier besonders einfach zu sein.

Dass ich in jedem anderen europäischen Land eine ziemlich lächerliche Figur abgegeben hätte, mit meinem leicht angeranzten Nadelstreifenanzug und den abgelatschten James-Dean-Desert-Boots, muss ich wohl kaum erwähnen. Hier aber hielt man das für äußerst besonders, weil man sich zwar in horrorhaft billige, dafür aber neue Mode zwängte. Gerade mein hobohafter Stil gab mir eine Aura der Authentizität. Man hielt das hier für wahren, echten westeuropäischen Lebensstil. Genau so musste ein Trendscout sein: Teure Schweizer Uhr, etwas gelangweilt dreinschauend und, auf eine für hiesige Verhältnisse modische Art, unangepasst, wie man es aus alten amerikanischen Filmen kennt. Nur hier sah ich nicht genau so aus, als würde ich versuchen , wie ein Trendscout auszusehen. Hier sah ich so aus, als wäre ich einer.

Alles hing nun davon ab, dass niemand die Begeisterung hinter der fingierten Fassade aus gelangweiltem Desinteresse und leicht genervten Gesichtsausdruck, aufgrund von vor mir posierenden Mädchen, durchschaute. Ich durfte mich auf gar keinen Fall zu früh auf ein Gespräch mit den um meine Aufmerksamkeit Ringenden einlassen. Sie hatten sich inzwischen um mich herum postiert und fochten stutenbissig darum, mit mir ein Gespräch zu beginnen. Eine kämpfte sich schließlich durch:

„Please, here is your bill!“

Lobster

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