16.02.2007

So!
Das Johanniskrauttal ist durchmessen, seine Untiefen sind kartografiert und überhaupt ist die Packung leer. Schluss also mit der Jammerei. Es geht wieder aufwärts! Nicht nur der Wirtschaft steht ein Boomjahr bevor – nein auch in die NPD treten nur noch stramme Mädels mit putzigen Frisuren ein.

Frühjahrszeit – Zeit des Scheidens. Das wurde uns schon von alten Volksweisen in die Wiege gelegt. Zeit also, dass Ihr Euch öffentlich von ein paar überkommenen Vorstellungen trennt.

In Schottland wächst kein Wein?
Die Zeit der Girl-Group-Comebacks ist vorbei?
Scheiden tut weh?

Scheiden tut weh
Aber das Scheiden macht
Dass mir das Herze lacht

Als Kind aus zerrüttetet Familienverhältnissen war ich immer der Meinung, dass es schmerzt, einen geliebten Menschen oder ein Tier, das einem ans Herz gewachsen ist, zu verlieren. Als mir neulich meine Chatfreundin Jane den Laufpass gab, war ich erst mal am Boden zerstört. Sie hatte mich sogar aus ihrem mysapce-Profil geworfen und alle meine Kommentare gelöscht. Mein neuer Beziehungsstatus: Divorced. Als ich diese bedeutenden Worte das erste mal auf meiner Profilseite sah, war ich verdutzt. Tränen, Angst, Raserei? Nothin‘. Ich fühlte mich viel eher gut aufgehoben in der Masse der Hipster und Gangster mit gleichem Schicksal. Das Ding der Zukunft: Sich scheiden lassen ohne jemals geheiratet, ja ohne sich jemals gesehen zu haben. So kommst auch Du durch den Dschungel.

Johnny Weissmüller

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18.12.2006

Freitagnacht, bis 7 im Club.
Samstagnacht, bis 7 im Club.
Sonntagnacht, im Club.
Die Witwe noch widerwillig gewürgt, den Rapido bereits gierig gestürzt, Bier auf Wein, Wein auf Bier, der Sprache verlustig, die Koordinaten über Bord, Inkontinenzfall, schwere See, das VOLLE PROGRAMM, the real thing. Früher hätte man sich wenigstens noch geschämt, aber mit der Zeit verliert ja alles seinen Schrecken.

Montag, allein in fremden Zimmern.
Die ollen Kamellen, will man sich jetzt geben, gibt man sich’s halt, nackt, auf rotem Boden kauernd, der Gürtel gar nicht fern, so Michael Hutchence mit Blick auf den Alex. Und echt, so war das also 1997, in den fremden Zimmern eines fremden Mädchens. Bald ist auch dieses Jahr rum. Drei Laif 900, ein Schlucken. Live is life, aber das war ja 84, 84, wir haben noch 84 Cent Zeit.

Theodore Louscider

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13.12.2006

“I’m on standby
Out of order or sort of unaligned
Powered down for redesign
Bye bye”

Kürzlich: Der Wodka hat dich genau drei Tage liegen lassen. Drei Tage zuviel. An Tag eins hast du den Muskelkater im Schritt kuriert, an Tag zwei eine schmutzige Träne verdrückt, an Tag drei nur noch die bekotete Straße angestarrt. Ob du das nötig hast, wirst du seitdem jeden Tag gefragt. Ja, hast du nötig. Im Dezember knallt das in dein Leben, was du das ganze Jahr verabsäumt hast. Es entweder unterdrückt hast oder vor lauter dämlich-in-die-sonne-glotzen schlichtweg verpasst hast. Das macht soweit nichts. Dein Puls fühlte sich ja auch angenehm an, deine Hände griffen sich (meist) immer das genau Richtige (warm, vertraut). Ende November guckst du noch immer abgeklärt durch die Gegend, langweilst dich jedoch ein bisschen mehr als den Rest des Jahres. Du siehst verstörter aus als noch im Juli. Deine Haut ist ganz fahl und dein Blick bohrt sich nur noch starr in dein Gegenüber. Der Alkohol schmeckt dir. Unverändert. Es gibt kein wirkliches Problem. Auf die Frage, was du an Silvester machst, kannst du immer noch antworten: „Ich fahr nach Bombay“. Was also tun? Nichts. Es nur Dezember werden lassen. Alles geschehen lassen und dann immer so tun, als würde das alles nur mit dir geschehen. Du brauchst dich nur vor unklugen Leuten zu rechtfertigen. Im Dezember lügt man, laut Statistik, mehr als in drei Jahren zusammen. Du zitterst trotzdem bei jeder einzelnen, das Würgen dabei ist jedoch weniger geworden. Es ist was los in und an deinem Körper. Erinnerst du dich an letztes Jahr in der heiligen Kirche in der heiligen Nacht? Zusammengekrümmt und mit den Füßen scharrend? Über schiefe Stimmen grinsen war vorgestern. Jetzt nur nicht mit Mutter weinen. Um genau die letzen vier Wochen. Trotzdem züchtest du weiter deinen Buckel, er erscheint dir lieblich und kaum kümmerlich. Und während du den zehnten Witz an diesem Abend reißt, die Gesichter zu einem anregenden Brei verschwimmen, deine Beine gar nervös anfangen zu tänzeln, fällt dir dein geiles Grinsen im Spiegel über der Bar auf. „Ja genau, zwei kleine aus der Flasche da oben, zweite von links, drittes Regal, sieht gut aus, nehmen wir.“ Alles mitnehmen, bisschen was wegwerfen. Und ja kein Johanniskraut im Dezember.

Nina Nüchtern

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13.12.2006

(Keine Lebenshilfe, dafür ein Loblied auf den Winter…)

Der Sommer ist eine dumme Sau.
Tagsüber lässt er mich bei 30 Grad wie einen alten, notgeilen Bock und einer besseren Ahnung von dem, was ich nie bekommen werde, durch die Strassen der Stadt ziehen und dann nachts in der Kneipe, die Rothaarige im Arm (denn merke: Wenn nichts mehr geht, geht nur noch die Rothaarige), man wankt, sich gegenseitig stützend, Richtung Ausgang und noch bevor die schwere Holztür sich öffnet, blendet er mich, der Sommer. Man betritt eng umschlungen die geschäftige Strasse und der frühmorgendliche Sonnenschein fällt unter racherfülltem Lachen auf die Rothaarige in meinem Arm und gibt mir unmissverständlich zu verstehen, weshalb nur noch die Rothaarige geht, wenn nichts mehr geht. Der Sommer ist eine dumme Sau. Er zeigt mir alles und gönnt mir nicht mal die Rothaarige.

Zum Glück ist jetzt Winter.

H. Harbs

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10.12.2006

Johanniskraut haut

Voll auf die Fresse ich

Esse so viel ich kann

Mann!

Jan Hausmann

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6.12.2006

Saudade, Hikikomori und andere Dezember-Symptome

In einem Dezember der spätsommerlichen Anwandlungen haben es die mit Schwermut Geschlagenen oft nicht leicht, sich für einen Leidensweg zu entscheiden. Bei Temperaturen von 16 Grad aufwärts überfällt einen die Portugiesische Melancholie, andererseits ist der Weihnachtsmonat traditionell die Zeit, in der einen nichts nach draußen drängt und man seine ohnehin schon ausgeprägte Veranlagung zum sozialen Autismus in den schönsten Blüten sprießen lässt. Saudade! möchte man manchentags leise in sich hinein brüllen, wenn man mit dem Pullover über der Schulter unter goldlaubigen Kastanien flaniert. Und dann verspürt man anderntags nicht das geringste Aufbäumen, obwohl man sich nicht aus der Bettstatt geschält hat. Es hätte ohnehin keinen Sinn. Hikikomori sagen sie in Nippon, aber das ist dem Johanniskrautabhängigen natürlich längst ein alter Hut, dem selbst Telefonieren zur existenziellen Anstrengung gerät. Nichts läutet. Das Nichts läutet.

Menschensmerkels

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Konsensnonsensentenz

„Lasst alles einig sein – ich sage Nein!“ plustern sich seit Epochen Dichter und Denker in die Stirnfaltenopposition. Das Gegenteil jedoch gilt es anzustreben: Meinungsmut! Mainstream! Massenkonsens! Lasst Eure Theorien Tatsache werden und schickt Eure gewagtesten Thesen an die Domaindiktatoren der Fauxamis 1.0 – hier werden sie allwöchentlich ans virtuelle Krichentor genagelt.

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Kalenderwoche 34

Matthias Reim lebt!

Nina Nüchtern

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Kalenderwoche 33

Elvis ist tot.

Das letzte Mal Elvis gehört – nicht auf einer Party, weil es „so blöd ist, dass es schon wieder gut ist“, sondern so richtig? Eigentlich nicht mal in der Jugend. (Dabei lief neben Matthias Reim noch so einiges, das man in die Schnulz-Rock’n’Roll-Ecke stellen könnte. Stimmts?)
Andererseits: Aus wie vielen Elvis-Titel bestand der Pulp Fiction-Soundtrack? Gefühlte neunzehn. Und wieso wurde eigentlich „Always on my mind“ nicht auf der letzten Engtanzparty gespielt?

Elvis lebt!

Lobster

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Kalenderwoche 15

Christian Kracht hat nichts zu sagen!

C. K., die dauergehypte und zähe Diva der Popliteratur hat es geschafft: sie ist auf Helge Schneider-Niveau angekommen. Mit seinem Co-Elaborat „Metan“ erreicht er eine Ebene der Akademikerverhöhnung, die er mit seinen vormaligen Werken immer um ein Gutstück verfehlte. Bei seiner Lesung im Hamburger Machtclub am 10.4.2007 glänzte er freilich durch fulminante Schrittchoreografie und soliden Verbalnonsens.
Weiter so, rät Herr Lapcharoensap, dann klappt es nächstes Mal auch bei Herrn Harald Schmidt.

Lobster

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